Unsere Männerweste

Es gibt wohl kaum ein Kleidungsstück, das über so lange Zeit ähnlich gestaltet und getragen worden ist wie die Weste für den Mann „Auch der stete Modewechsel brachte nix Neues“ schreibt etwas verallgemeinernd Carl Köhler in seiner „Praktischen Kostümkunde“ von 1926.Trotzdem wollen wir im diesjährigen Vereinskalender die Männerweste unserer historischen Schlierseer Tracht, Mode zwischen 1810 und 1840, einmal genauer beleuchten und ihre Machart beschreiben. Es gibt dann doch einige Kleinigkeiten, die für eine Weste aus dem frühen 19. Jahrhundert in unserer Gegend typisch sind.

 

Schnitt

Die Weste ist typischer Weise eng anliegend geschnitten – „body fit“ würden wir heute sagen. Dieser Schnitt hat sich offenbar über mehrere Jahrhunderte bewährt und macht auch nach heutigem Stilempfinden immer eine gute Figur. Mit einer eng anliegenden Weste kann die Joppe bzw. der Gehrock auch problemlos darüber getragen werden.

 

Länge

In der Länge reicht die Weste etwa drei bis fünf Zentimeter über den Lederhosenbund. So ist sie genau passend, um nicht oben aus dem darüber getragenen Geldranzen rauszurutschen oder umgekehrt unter dem Geldranzen noch rauszuschauen. Die Weste schließt gerade ab, kein „Spitz“, sowohl bei zwei- als auch bei einreihigen Westen.

 

Schulternaht

Im Schnitt gibt es zwischen den heute, auch fertig erhältlichen Trachtenwesten und den historischen Westen einen wesentlichen Unterschied: die Schulternaht. Während man heute – sehr einfach – direkt auf der Schulter eine gerade Naht setzt, wurde früher das Vorderteil über die Schulter gelegt und die Naht erst hinten, entlang des Schulterplattes gesetzt. Damit folgt man der menschlichen Anatomie und erreicht eine deutlich bessere Passform.

 

Ein- oder Zweireihig

Bei uns kommen sowohl ein- als auch zweireihige Westen vor. Die einreihige Weste ist das ältere „Modell“. Zweireihige Westen kommen erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts allmählich in Mode.

 

Der Kragen

Die Männerwesten Anfang des 19. Jahrhunderts verfügen allesamt über einen Stehkragen, der etwa drei Zentimeter misst und aus dem gleichen Stoff wie die Weste gefertigt ist. Die kragenlose Weste findet sich historisch gesehen vor unserer Zeit. Liegende Krägen wiederum, wie beispielsweise der so genannte Schalkragen, kommen erst später, etwa ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Mode und das überwiegend im städtischen Bereich.

 

Ausschnitt und Revers

Die historische Weste kann bis oben hin zugeknöpft werden. Häufig aber werden die oberen Vorderkanten der Weste aufgeschlagen und man kann das so entstandene Revers durch Knöpfe fixieren. Damit bleibt Platz für den Halstuchknoten, den Flor.

 

Die Knöpfe

Hier sind wir wohl beim schwierigsten Kapitel in Sachen Männerweste angelangt, denn das, was wir für historisch richtig halten, ist heute regulär kaum mehr zu kaufen. Gebraucht werden einfache, flache Silber- oder Zinnknöpfe, glatte Scheiben mit geometrischen/konzentrischen Mustern. Kein Plastik, kein Horn, keine so genannten „Duttenknöpfe“ und letztlich auch keine Münzknöpfe. Die schlichte Form ziert hier die Weste und der Wert des Materials. Dass Knöpfe etwas besonders Wertvolles waren erkennen wir daran, dass an einem Original die Knöpfe nicht etwa eingenäht, sondern durch kleine Ösen gesteckt und auf der Innenseite eingefädelt wurden. Auf diese Weise konnten sie bei mehreren Westen verwendet werden. Geknöpft wird in gleichmäßigem Abstand von oben bis unten und zwar in der Draufschau die rechte Seite auf die linke.

 

Stoff

Bei der Wahl des Oberstoffs zeigen sich natürlich am Schönsten der modische Zeitgeschmack und gesellschaftspolitische Zwänge. Wir versuchen hier eine Skizze, was verwendet wurde: Leinen, Samt, Seide, letztlich finden wir alles. Samtstoffe setzen sich erst später durch, Seide war für Schlierseer Verhältnisse möglicher Weise zu exklusiv. Wir empfehlen nahezu unifarbene Stoffe mit Webmuster, also einem eingewebtem Karo oder Streifen, eventuell abgesetzt durch kleine (eingewebte) Dekorblumen. Rottöne waren offenbar besonders stark verbreitet. Der Stoff soll insgesamt ein natürliches Erscheinungsbild haben, also nicht künstlich glänzen. Bestickte Stoffe, etwa ein bestickter Samt, passen nicht zu unserer historischen Tracht. Bedruckte Stoffe waren dagegen durchaus üblich.

 

Die gesamte Weste ist gefüttert und aus ein und demselben Oberstoff, auch der Rücken. Es wird also kein anderer, unifarbener Stoff für den Rücken verwendet, sondern der gleiche wie für die Frontpartie.

 

Taschen

Die Westen hatten nach unserer Auffassung sehr wahrscheinlich keine Taschen, weder innen noch außen. Daher empfehlen wir bei der Anfertigung neuer Westen Innentaschen, einfach weil sie praktisch sind und nicht weiter auffallen. Auf der Außenseite haben bei doppelreihigen Westen keine Taschen mehr Platz, bei einreihigen Westen dagegen eine kleine Tasche auf Brusthöhe.

 

Trageweise

Einreihige Westen werden unter dem Hosenträger getragen, zweireihige Westen darüber.

 

Text: Korbinian Leitner, Quellen: Tracht ist Mode, Alexander Wandinger, 2006;